Was Analyse von Filmmusik leisten kann – und wo ihre Grenzen liegen
Die Analyse von Filmmusik wird oft dazu genutzt, um zu erklären, warum ein Musikstück im Film funktioniert. Dabei werden Harmonie, Melodie, Rhythmus, Orchestrierung, Motive und Struktur betrachtet. All dies kann nützlich sein. Und all dies ist unvollständig. Denn Filmmusik existiert nicht als Musik allein, sie ist das Ergebnis von Rahmenbedingungen.
Was kann die Analyse gut?
Analysen von Filmmusik können beschreiben, wie Musik aufgebaut ist. Sie können zum Beispiel Folgendes identifizieren:
- harmonische Beziehungen
- wiederkehrende Motive
- rhythmische Muster
- Entscheidungen in der Orchestrierung
- formale Strukturen
Für Komponisten kann Analyse ein wichtiges Lernwerkzeug sein. Sie hilft dabei, das Handwerk zu verstehen, Muster zu erkennen und Entscheidungen zu artikulieren, die oft intuitiv getroffen werden.
Für Filmemacher kann die Analyse hilfreich sein, wenn sie verdeutlicht, was musikalisch geschieht – insbesondere in Momenten, in denen etwas „nicht stimmt”, aber schwer zu benennen ist.
In diesem Sinne schafft die Analyse wertvolles Vokabular für alle Beteiligten.
Was die Filmmusik-Analyse nicht erklären kann
Was die Analyse in der Regel nicht erklären kann, ist, warum etwas in einem bestimmten Film funktioniert. Der Grund dafür ist einfach: Eine typische Filmmusik-Analyse isoliert die Musik von den Bedingungen, unter denen sie wirkt.
Filmmusik wird nur sehr selten für sich allein erlebt. Sie wird im Kontext gehört:
- in einer bestimmten Szene
- zu einem bestimmten Zeitpunkt
- vor einem bestimmten Bild
- nach einem bestimmten Schnitt
- vor einer bestimmten Dialogzeile
All dies lässt sich nicht allein durch musikalische Parameter vollständig erfassen. Ein Akkord hat nicht in jedem Kontext dieselbe Bedeutung. Eine Melodie hat nicht an jeder Stelle eines Films dieselbe Wirkung. Ein musikalisches Motiv, das in einer Szene perfekt funktioniert, kann in einer anderen völlig deplatziert sein.
Die Analyse beschreibt die Struktur. Der Film funktioniert durch das Timing.
Filmmusik lebt zwischen Systemen
Filmmusik bewegt sich zwischen mindestens drei verschiedenen Systemen:
- das musikalische System (Noten, Harmonie, Rhythmus)
- das filmische System (Bild, Schnitt, Erzählung)
- das psychologische System (Wahrnehmung, Erwartung, Emotion)
Die traditionelle Analyse konzentriert sich fast ausschließlich auf die erste Art der Analyse.
Aber das zweite und dritte sind oft entscheidender.
Ein Cue kann harmonisch einfach und dennoch emotional komplex sein. Ein anderer kann musikalisch anspruchsvoll und letzlich emotional redundant sein. Der Unterschied ist in der Partitur selten erkennbar. Er zeigt sich erst im Kontext.
Warum Analysen oft Absichten überschätzen
Eine weitere Einschränkung der Analyse besteht darin, dass sie oft eine Absicht unterstellt, wo es sich um einen Prozess handelt. Filmmusik ensteht nur selten in einem Vakuum.
Sie wird geprägt durch:
- Temp-Tracks
- Feedback-Schleifen
- Zeitdruck
- Änderungsschleifen
- Produktionsrealitäten
Viele musikalische Entscheidungen werden nicht getroffen, weil sie ein Konzept zum Ausdruck bringen, sondern weil sie ein Problem lösen. Analysen neigen dazu, Ergebnisse, die unter Zwängen entstanden sind, als kohärent zu interpretieren. Das kann aufschlussreich sein – aber auch irreführend.
Um Filmmusik zu verstehen, muss man nicht nur wissen, was sie ist, sondern auch, wie sie entstanden ist.
Analyse erklärt die Form, nicht die Funktion
Das ist der entscheidende Unterschied.
Die Analyse von Filmmusik eignet sich sehr gut, um die Form zu erklären. Filmmusik funktioniert aber in erster Linie über ihre Funktion.
Die Funktion hängt ab von:
- Platzierung
- Dauer
- Beziehung zu Dialog und Ton
- Erzählzeitpunkt
Diese Aspekte bleiben in analytischen Modellen oft verborgen.
Ein Musikeinsatz, der auf dem Papier „langweilig“ wirkt, kann im Film perfekt sein. Ein Musik-Cue, der analytisch betrachtet faszinierend ist, kann auf der Leinwand überflüssig sein.
Filmmusik ist dann erfolgreich, wenn sie den Film klarer wirken lässt – nicht, wenn sie ihre eigene Komplexität offenbart.
So lässt sich Analyse gezielt nutzen
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Analyse von Filmmusik nutzlos ist.
Es bedeutet lediglich, dass sie mit Bedacht genutzt werden sollte.
Die nusikalische Analyse funktioniert am besten, wenn sie folgende Kriterien erfüllt:
- kontextbezogen, nicht isoliert
- beschreibend, nicht vorschreibend
- sich der eigenen Grenzen bewusst ist
Sie kann dabei helfen, Entscheidungen nachträglich zu artikulieren und zu erklären. Und kann Komponisten dabei helfen, über ihr Handwerk nachzudenken.
Darüber hinaus kann sie Filmemachern helfen, mit Musik- und Tonabteilungen zu kommunizieren. Was es jedoch nicht leisten kann, ist, das Verständnis des Films selbst zu ersetzen.
Fazit
Die Analyse von Filmmusik kann erklären, wie Musik aufgebaut ist. Sie erklärt jedoch selten, warum sie funktioniert. Denn Filmmusik fungiert nicht allein als Musik, sondern als Teil eines größeren Systems aus Zeit, Bild und Wahrnehmung. Um Filmmusik wirklich zu verstehen, muss man verstehen, wie Filme funktionieren – technisch, emotional und psychologisch. Die Analyse ist ein Werkzeug. Der Kontext ist der Schlüssel.
- Filmmusik-Analyse erklärt Struktur, nicht den Kontext
- Filmmusik funktioniert niemals isoliert
- Musikalische Komplexität ≠ filmische Effektivität
- Analyse unterstellt oft Absicht, wo Prozesse abliefen
- Um Filmmusik zu verstehen, muss man Film verstehen
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